Weihnachten 2022

Immer wieder derselbe Mist: Es ist Weihnachtszeit und die Traditionen des christlichen Abendlandes zwingen uns, einander liebevolle Grüße und Wünsche zukommen zu lassen und dabei ist es egal, vielen von uns scheißwurschtegal, wie mein Vater sagen würde, dass unsere Gesellschaft mit echten christlichen Werten so viel oder so wenig anfangen kann wie eine Taube mit einer Playstation: Sie scheißt drauf.

Elf Monate des Jahres plätschert der Alltag mehr oder minder vor sich, die kleinen Ereignisse nehmen wir wahr, wenn sie uns nahe genug kommen, die großen nehmen wir schulterzuckend hin, und wenn wir Glück haben, legt sich die große Gleichgültigkeit übers Land und Beleidigungen, Diffamierungen, Angriffe treffen die anderen. Führe uns nicht in Versuchung, Anteil zu nehmen oder gerecht zu sein oder mit nur einem Maß zu messen.

Elf Monate des Jahres empören wir uns, elf Monate diskutieren wir uns die Wünder mund über Kleinigkeiten, die man uns appetithappig serviert, damit wir die Großigkeiten aus den Augen verlieren. Elf Monate viel Lärm um nichts und wenig Ruhe für alles und wir bilden uns ein, noch so viel Zeit zu haben.

Dann ist es Dezember und es ist warm und wir stellen fest, dass wir uns wieder nicht vorbereitet haben und wir rennen und rennen und müssen noch so viel erledigen und wir werden nervös und hektisch und kommen nicht mehr hinterher, obwohl es uns doch am Herzen liegt, dies und das, jenes und sell. Dann ist es Weihnachtszeit, dann ist da der Morgen und der Nachmittag des Heiligen Abends und gelobt sei das Internet: Es gibt Spruchbildchen und Gedichte, Weisheiten und Aphorismen in Hülle und Fülle.

Immer wieder derselbe Mist: Es ist Weihnachtszeit und ich sitze fingernägelkauend vorm PC, wort- und phrasenlos, überlege hin und her und auf und nieder und es wäre ein Leichtes, den Text vom letzten Jahr einfach zu kopieren, man vergisst so schnell, oder die poetischen, die lyrischen, die melodischen Sätze eines weit klügeren Geistes abzuschreiben, aber, verdammt, ich kann eben auch nicht aus meiner Haut und ich bin keine Taube und ihr keine Playstations.

Ich wünsche euch Kuchen und Torte, am besten mit Käse überbacken, denn alles ist besser, wenn man es mit Käse überbackt. Ich wünsche euch ein Sofa in der Küche und einen Barhocker im Wohnzimmer. Ich wünsche euch runde Tage und kantige Nächte, karierte Pyjamas und gestreifte Bademäntel, bunte Prilblumen und graue Mäuse. Graue Mäuse? Aber natürlich, denn oft ist es das unscheinbare Unauffällige, das plötzlich hell erstrahlt, wenn man es nur lässt. Lacht unter der Woche und über euch selbst. Zieht euch Unterwäsche aus Wolle an, die hält warm. Steht manchmal für etwas ein, legt euch manchmal etwas hin. Haltet eure Klappe, zumindest hin und wieder. Sprecht laut, zumindest hin und wieder. Vergesst, dass ihr allein seid, vergesst nicht, dass ihr nicht allein seid. Legt euch Alben an mit Fotos von maulbrütenden Buntbarschen aus dem Victoriasee. Stöhnt auf verschiedene Arten. Schnauft und schnüffelt, lauft und müffelt. Fahrt öfter mit dem Zug. Ohne Scheiß, tut das. Jammert selten, aber wenn, dann richtig. Nehmt euch Zeit und Kekse. Habt einen sitzen und habt einen stehen. Schreibt „Appetit“ richtig und setzt Kommas falsch. Pflanzt euch ein. Windet euch raus. Nicht alles ist schwer, nicht alles ist leicht. Lernt etwas dazu, jeden Tag, und sei es noch so beknackt. Zählt Facetten. Guckt in die Sterne und sucht die Chorizo-Galaxie. Gendert. Ha, erwischt! Aber mal im Ernst: Nehmt ein bisschen Rücksicht. Seid nicht immer so befindlich. Schwebt durch die Luft, gleitet übers Wasser. Turnt am Reck und am Stufenbarren, klettert durch Pfützen, springt auf Berge, sammelt Wolken. Raucht das gute Zeug. Denkt über die Freiheit nach, überlegt euch, was sie für euch bedeutet, kommt zu einem Ergebnis. Und dann denkt noch einmal darüber nach und versucht zu erkennen, welche Freiheit ihr meint und ob es eure ist oder unsere.

Die Pandemie ist noch immer nicht vorbei und unser Leben ist ein anderes. Es ist anders als letztes Jahr, es ist anders als vorletztes Jahr, es ist anders als jedes Jahr. Jeder Augenblick ist neu, jeder Moment und jedes Weihnachtsfest. Wir müssen Wege finden, damit umzugehen, wir alle müssen lernen, wir müssen lernen, dass Veränderung etwas Gutes ist, dass wir aus ihr Stärke ziehen können und dass Zufriedenheit uns auf Dauer lähmt.

Wir haben Menschen verloren, die uns etwas bedeutet haben, wir werden Menschen verlieren, die uns etwas bedeuten, dessen sollten wir uns stets bewusst sein. Also halten wir uns nicht zurück. Sagen wir es einander. Ganz im Ernst: Sagt es einander. Über Facebook, Instagram, Twitter, über Briefe, Karten, Telefone, über Berge, Täler, Meere und alle Grenzen hinweg: Sagt einander, dass ihr euch lieb habt.

Ich wünsche uns weit mehr als Glück.

Rock’n’Roll und pax nobiscum,
Björnbär